Hebammenmangel

Ungewisse Zukunft: Freiberufliche Geburtshilfe vor dem Aus?

Die Geburtenrate steigt, aber die Zahl der Geburtsstationen nimmt immer mehr ab. Freiberufliche Hebammen, die in der Geburtshilfe tätig sind, können sich den Beruf kaum noch leisten. Eine nach der anderen steigt aus der Geburtshilfe aus. Schuld daran sind die steigenden Haftpflichtprämien und die geringe Vergütung der Geburtshilfeleistungen.

Vor drei Monaten kam mein kleiner Sohn zur Welt und darum liegt mir dieses Thema am Herzen. Die Geburt ist ein natürlicher Prozess, der eine große körperliche und seelische Veränderung für die Frau und ihre Familie bedeutet. Hebammen unterstützen Frauen nicht nur medizinisch, sondern auch psychosozial. Ohne die Hilfe meiner lieben Hebamme hätte ich die ersten Tage im Wochenbett nicht gut überstanden. Sie hat mich dabei unterstützt meine Rolle als Mutter zu finden.

Hebammen leisten einen hohen gesellschaftlichen Beitrag, da sie die Eltern-Kind-Bindung fördern und das ist der beste Kinderschutz. Nach der Geburt bleibt die Hebamme erste Ansprechpartnerin bei Rückbildungsvorgängen bei der Mutter und gibt Tipps rund um die Versorgung des Kindes (Stillen, Beikost-Einführung).

Meine Hebamme hat auch einen Teil der Schwangerschaftsvorsorge übernommen. Hebammen tragen dazu bei, dass die gesamten Gesundheitsleistungen als ein Betreuungsangebot und nicht als ein Pflicht- und Kontrollsystem angesehen werden. Sie aktivieren und fördern das Selbstvertrauen der Frau und legen mit ihrem Wissen für die Frau den Grundstein um Entscheidungen zu treffen. Hebammen ermutigen die Frau das Normale und nicht das Krankhafte im Blick zu haben.

Die Förderung einer guten Eltern-Kind-Bindung ist der beste Kinderschutz!
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Ohne Hebamme darf keine Geburt stattfinden

Nach dem Hebammengesetz darf eine Hebamme eine Frau während der Geburt alleine betreuen, während ein Arzt in Deutschland eine Frau nur im Notfall ohne eine Hebamme entbinden darf. Auch bei einem Kaiserschnitt muss der Arzt eine Hebamme hinzuziehen. Jede Frau hat das Recht darauf in der Schwangerschaft sowie während und nach der Geburt von einer Hebamme professionell betreut zu werden. Doch die Realität sieht anders aus: Viele Hebammen sind monatelang ausgebucht.

Versorgungsmangel besonders schlimm in Ballungsgebieten und ländlichen Regionen

In Deutschland kommen seit ein paar Jahren wieder mehr Kinder auf die Welt. Das ist an sich schon eine sehr positive Entwicklung, doch leider ist die flächendeckende Versorgung mit Hebammenhilfe nicht mehr gewährleistet. Besonders schwierig ist es in teuren Ballungsgebieten (Rhein-Main-Gebiet, München) oder in ländlichen Regionen. Es muss mehr über die Gründe dieses Versorgungsmangels nachgedacht werden und durch gerechte Bezahlung muss der Beruf der Hebamme wieder attraktiv werden. Zum Beispiel wird ein Wochenbettbesuch pauschal mit 32 Euro vergütet, egal ob dieser anfangs oft mehr als eine Stunde dauert. Erst wenn sich Eltern und Kind eingespielt haben, können die Zeitvorgaben der Krankenkassen von 20 bis 30 Minuten eingehalten werden. Die größere Verunsicherung der Frau im Vergleich zu früher und eine mangelnde Unterstützung der Familie verlangt nach einem Ausbau der Hebammenleistungen.

Von den geschätzt 18.000 freiberuflichen Hebammen sind nur noch etwa 3.500 in der Geburtshilfe tätig (GKV-Spitzenverband). Rund 20 % der deutschlandweiten Geburten in Kliniken werden von freiberuflichen Beleghebammen betreut. Selbstständige Hebammen sind verpflichtet eine Berufshaftpflichtversicherung abzuschließen, sonst dürfen sie ihren Beruf nicht ausüben.

Berufshaftpflichtversicherungen müssen bezahlbar bleiben

Wegen der geringen Verdienstmöglichkeiten und der seit Jahren steigenden Berufshaftpflichtprämien sind bereits viele selbstständige Hebammen aus der Geburtshilfe ausgestiegen. Inzwischen muss eine Hebamme, die Geburtshilfe freiberuflich anbietet, 7.639 Euro für die Berufshaftpflicht zahlen. Im Vergleich: 1998 mussten die Hebammen noch 394 Euro zahlen. Ein gesetzlicher Sicherstellungszuschlag soll hier Abhilfe schaffen, jedoch verbleibt immer noch ein Eigenanteil von bis zu 2.000 Euro.

Die Versicherungserstattung wird zudem nur ausgezahlt, wenn mindestens vier Geburten pro Jahr (darunter maximal eine abgesagte Geburt) betreut wurden. Diese Bedingung kann unter Umständen nur schwer von der Hebamme kontrolliert und erfüllt werden.

Auch die seit dem 1.7.2017 geltende Vergütungserhöhung von 17 %, die als Ausgleich für die unverhältnismäßig steigenden Prämien zwischen den Hebammen und den Krankenkassen verhandelt wurde, zeigt laut dem Deutschem Hebammenverband e.V. keine große Wirkung, da die selbstständigen Hebammen ohnehin sehr wenig verdienen. Bis zum Jahr 2020 ist zudem keine weitere Erhöhung vorgesehen, obwohl die Versicherungsprämie Mitte 2018 weiter steigen wird.

Gründe für die hohen Haftpflichtprämien

Es gibt nur wenige Beitragszahler. Daher wird in die Versicherungen entsprechend wenig eingezahlt, und durch die geringe Anbieterzahl ist auch der Preiswettbewerb begrenzt. Hinter den hohen Prämien stecken laut Versicherungen angeblich höhere Schadenssummen und zunehmende Schadensersatzansprüche. Es könnten aber auch mangelndes Interesse der Versicherer an einem Nischenprodukt oder steigende Schadensfälle dahinterstecken. Belegbare Daten liegen nicht vor.

Regressverzicht bringt nicht den gewünschten Effekt

In einem weiteren Regierungsansatz, dem Versorgungsstärkungsgesetz wird geregelt, dass Kranken- und Pflegekassen darauf verzichten sollen Regressforderungen für die durch Hebammen entstandenen Schäden zu erheben. Damit sollten stabilere Versicherungsprämien und die Belebung der Angebotsseite erreicht werden. Der Erfolg bleibt bisher aus. Diskussionen über Fahrlässigkeitsgrade und die Angst vor langen Prozessen aber halten die Versicherer von der Prämiensenkung ab.

Handelt eine Hebamme fahrlässig, die die dritte Gebärende abweist, weil sie nur für zwei bezahlt wird? Oder diejenigen, die für solche Regelungen und Gesetze verantwortlich sind?

Vielleicht muss eingesehen werden, dass eine Geburt nicht versicherbar ist und als nötige Konsequenz extreme Risiken gesamtgesellschaftlich und solidarisch aufgefangen werden müssen, um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung zu sichern, so Nitya Runte vom Hebammen für Deutschland e.V.

Der Hebammen für Deutschland e.V. fordert darüber hinaus auch die Abschaffung der Rentenversicherungspflicht für freiberufliche Hebammen, da dies eine zusätzliche finanzielle Belastung darstellt.

Beleghebammen dürfen nur noch zwei Frauen parallel betreuen

Änderungen an den Betreuungsschlüsseln für Beleghebammen sind nicht alltagstauglich. Sie gefährden die Existenz der Hebammen und sorgen mittelfristig für Personalmangel in den Bundesländern mit einem hohen Anteil an Beleghebammen, zum Beispiel in Bayern.

Freiberufliche Hebammen im Europavergleich

In Deutschland haben Hebammen (noch) eine starke Stellung und können selbstbestimmt ihren Beruf ausüben. Das Modell der freiberuflichen Hebamme gibt es nur noch in wenigen weiteren europäischen Ländern, darunter die Niederlande, Österreich und die Schweiz. Doch dort ist das Thema Wirtschaftlichkeit für die freiberuflichen Hebammen gar kein Thema. Die selbstständigen Hebammen zahlen auch nicht so hohe Haftpflichtprämien wie in Deutschland.

Ein Risikogruppenpooling aller Gesundheitsberufe nach Schweizer Vorbild wäre eventuell eine Lösung. Damit könnten die Versicherungsprämien erheblich gesenkt werden. In Österreich und in den Niederlanden wird mit einem Haftpflichtfond die Geburtshilfe als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gewürdigt und vom Zwang der Wirtschaftlichkeit befreit. Dort zahlen die Hebammen nur etwa 350 Euro für die Haftpflichtprämie.

Geburt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe?

Der Deutsche Hebammenverband e.V. fordert schon lange für freiberufliche Hebammen eine Haftungsobergrenze und die Einrichtung eines öffentlichen von Steuergeldern subventionierten Haftpflichtfonds, ebenso DIE LINKE und DIE GRÜNEN. Außerdem werden bundesweit verbindliche Bemessungsinstrumente bei den Personalbesetzungen in den Gesundheitsberufen gefordert.

Von der aktuellen Regierung wird ein öffentlicher Haftpflichtfond für die Hebammen abgelehnt, da zu viele verfassungs- und versicherungsrechtliche Fragen bestehen. Es sei dem Bürger nicht vermittelbar einen Haftpflichtfond aus Steuergeldern zu finanzieren. Ist das wirklich so? Banken werden doch auch gerettet.

Hauptsächlich liegt dem Ganzen die Angst zu Grunde das andere Berufsgruppen in ihren Forderungen dann nachziehen. Das sollten sie auch dürfen, wenn sie ebenso schützenswert und gefährdet sind. Lassen wir die Gesellschaft entscheiden.

Weiterführende Informationen

Bundeselterninitiative Mother Hood e.V.
http://www.mother-hood.de/aktuelles/aktuelles.html

Deutscher Hebammenverband e.V.
https://www.hebammenverband.de/startseite/

Der Deutsche Hebammenverband e.V. hat eine großangelegte Kampagne zur Aufklärung über den Hebammenmangel gestartet. Auf der Landkarte für Unterversorgung kannst du dich eintragen, wenn du keine Hebamme an deinem Wohnort gefunden hast. Über 14.440 haben sich bereits eingetragen.

Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands e.V.
http://www.bfhd.de/

Was denkst du über die Situation der Hebammen? Hast du eventuell eigene Erfahrungen gemacht? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Leider wissen noch immer zu wenige Menschen wie es wirklich um die Geburtshilfe in Deutschland steht. Die Regierung versucht zwar schon seit Jahren mit Maßnahmen zu beruhigen, löst damit aber nicht den stetigen Rückzug der freiberuflichen Hebammen aus der Geburtshilfe.

Bitte teile deshalb diesen Beitrag.

Und überlege wo du Sonntag dein Kreuz machst!

 

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2 Kommentare zu “Ungewisse Zukunft: Freiberufliche Geburtshilfe vor dem Aus?

  1. Natalie Carle

    Hallo Anja, ich habe deinen Artikel gelesen und bin selbst Hebamme und wollte mich bei dir für diesen tollen gut recherchierten und klugen Artikel bedanken. Ich bin es langsam leid mich für meine Arbeit zu rechtfertigen. Danke, dass du weiterkämpfst und darauf aufmerksam machst.
    Liebste Grüße Natalie

  2. Anja Blumschein

    Hallo liebe Natalie,

    danke für dein tolles Lob ;-). Man kann nicht oft genug darauf aufmerksam machen. Mir lag sehr viel daran diesen Artikel zu schreiben, sozusagen als Dank an alle Hebammen Deutschlands 🙂 für die sehr wichtige Arbeit.

    Liebe Grüße
    Anja

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