Kosmische Erziehung: Definition und gesellschaftliche Bedeutung

Maria Montessori, die ihr Konzept zur kosmischen Erziehung erstmals 1935 vorstellte, entwickelte die Auffassung, dass die Gesamtheit der Natur – sowohl die belebte als auch die unbelebte – seit der Entstehung des Universums bis in die heutige Zeit einem einheitlichen „Kosmischen Plan“ folge, dessen Bestandteile in gegenseitiger Abhängigkeit zueinanderstehen.

Der Mensch nimmt seine „kosmischen Aufgaben“ wahr, indem er an der Entwicklung und Gestaltung seiner „Supra-Natur“ (= Kultur) arbeitet, ohne, dass es ihm bewusst ist. Auf der einen Seite hat der Mensch die Natur bereichert und verschönert, aber auf der anderen Seite bringt er sich selbst in große Gefahr und verkennt die durch ihn selbst verursachten Bedingungen auf der Erde. Maria Montessori schreibt:

„Heute ist er nicht gerüstet, die aus einer Supra-Natur bestehende Umgebung zu beherrschen.“

Es ist deshalb umso wichtiger, dass die Menschheit verantwortungsvoll mit ihrer Umwelt umgeht und nach dem „kosmischen Plan“ handelt, um das Gleichgewicht der Natur wiederherzustellen und Katastrophen, wie Kriege oder anderweitige Störungen, abzuwenden. Kosmische Erziehung trägt im Wesentlichen zum Verstehen der Zusammenhänge einer kosmischen Ordnung bei.

In einem universalen Lehrplan müssen alle Aspekte des Wissens und vom Kosmos verbunden werden.

„Astronomie, Geographie, Geologie, Biologie, Physik, Chemie sind nur Details des Ganzen. Ihr Bezug untereinander ist das, was das Interesse von einem Zentrum bis zu seinen Ausläufern hin treibt.“

Dieser Lehrplan ist jedoch kein Lehrplan im üblichen Sinne, der in Schritten abgearbeitet werden muss. Er beinhaltet vielmehr das gesamte Spektrum der menschlichen Kultur und des Wissens aller Kulturkreise. Aus diesem breitgefächerten Angebot suchen die Kinder selbst aus und bearbeiten die Aspekte, die sie näher interessieren.

Dem Kind wird die Gesamtheit des Universums dargeboten. Montessori verfolgte dabei immer den Grundsatz:

„Das Ganze geben, indem man das Detail als Mittel gibt.“

Genauer gesagt: „Man studiert die Wirklichkeit des Details, und dann stellt man sich das Ganze vor.“

Die Vorstellungskraft wächst und führt zum Verständnis des Ganzen. Wenn das Kind einen Fluss oder See kennt, kann es sich auch die anderen Seen und Flüsse der Welt vorstellen. Es ist für den Pädagogen von Bedeutung, selbst zu verinnerlichen was das Ganze bedeutet, und wie er das Interesse in dem Kind wachruft.

„Die geringsten Details werden interessant, wenn sie als Teil eines Ganzen dargestellt werden; das Interesse wächst um so mehr, je mehr man von den Details weiß.“

Lernen am Modell und durch selbstbestimmte Erfahrung

Kinder lernen durch Beobachtung und durch aktive, selbstgesteuerte Erfahrung, das heißt es ist wichtig, Kindern die wahrhaftige Natur zu zeigen. Die Kinder sollen hinausgehen und in der Natur die Pracht einer Blumenwiese, einen rauschenden Fluss, die Schönheit eines Sternenhimmels, die Beschaffenheit des Bodens, die Vielfalt der Tiere und vieles mehr erfahren.

„Wenn das Kind wandert, bietet sich ihm die Welt selbst dar. Veranlassen wir das Kind zu wandern, zeigen wir ihm Dinge in ihrer Wirklichkeit, anstatt Gegenstände anzufertigen, die Begriffe darstellen, und sie in einen Schrank einzuschließen.“

Schlüsselgeschichten als Einführung

Im Kapitel „Menschliche Potentialität und Erziehung“ der Schrift Kosmische Erziehung beschreibt Montessori mit einer beeindruckenden Originalität und Anschaulichkeit die ökologischen Zusammenhänge. Für Kinder, speziell im Grundschulalter, entwarf Montessori sogenannte Schlüsselgeschichten, die sogenannten cosmic tales (Werbelink), um ihnen auf diese Weise in komprimierter Form Einführungen in ökologische, geschichtliche und sozial-anthropologische Zusammenhänge zu geben.

Nach der AMI-Tradition (AMI – Association Montessori Internationale) gibt es die fünf großen Erzählungen:

  • Die Geschichte des Universums (Gott hat keine Hände)
  • Die Entstehung des Lebens
  • Die Entwicklung des Menschen
  • Die Geschichte der Zahlen
  • Die Geschichte der Schrift

Die Zeit von 3 bis 6 Jahren wird als eine Art Vorbereitung auf die Zeit der kosmischen Erziehung angesehen, wobei dort zunächst nur die Phänomene an sich interessieren und nicht die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten. Im Alter von 6 bis 12 Jahren findet die eigentliche kosmische Erziehung statt, in der auch die Zusammenhänge und das „Warum?“ von Interesse sind. Nach dem Alter von 12 Jahren wird in der Arbeit auf die kosmische Erziehung aufgebaut und zurückgegriffen.

Erdkinderplan zur Förderung der Entwicklung in einer ökologischen Gemeinschaft

Maria Montessori sieht für die 12- bis 15-jährigen Jugendlichen eine spezielle Form des Lernens und Erfahrens in ihrem „Erdkinderplan“ vor.

„Die Schulen, so wie sie heute sind, sind weder den Bedürfnissen des jungen Menschen noch denen unserer jetzigen Epoche angepasst.“

Schon damals erkannte Maria Montessori die Notwendigkeit einer Reform der Pädagogik. Einer der wenigen Versuche weltweit ist die Hershey Montessori Farm School in Ohio, die von David Kahn gegründet wurde und im Schuljahr 2000/2001 ihre Tore öffnete. In dieser Gemeinschaftseinrichtung wird die „Vorstellung eines Studien- und Arbeitszentrums auf dem Lande als eine den Bedürfnissen und Interessen dieses Alters optimal angemessene Erziehungsform umfassend verwirklicht“.

In Deutschland gibt es bisher kaum Einrichtungen dieser Art, in der es möglich ist, in dieser Art von Gemeinschaft zu leben, produktive Arbeit in der Natur zu leisten und einen ökologischen Lebensstil zu führen. Es werden stattdessen immer nur Ansätze des „Erdkinderplans“ verwirklicht. In einigen Montessori-Schulen gibt es Kooperationen mit Bauernhöfen oder praktische Wochen, in denen die Jugendlichen Handwerk in der Nachbarschaft erlernen. Der gemeinnützige Verein Erdkinder-Projekt e.V. in Eberharting im oberbayrischen Voralpenland bietet ganzheitliches und praktisches Lernen auf dem Lande in einer Montessori-Schule, einem integrativen Kinderhaus sowie in einem Abiturkolleg an.

Indviduelle Persönlichkeitsentwicklung

Nur fehlt der Ansatz, dass Kinder nach Montessori, im Alter von 12 bis 18 Jahren, bevorzugt nicht im Elternhaus die meiste Zeit verbringen sollten, da sie hier zu sehr in ihrer individuellen Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst und gesteuert werden.

Daher wäre, wie in Ohio, ein Internat als Wohnort der Familie, im Sinne von einer Gemeinschaft junger Menschen, wünschenswert. Dort übernehmen die Internatseltern die Funktion des Vertrauenspädagogen, fördern die Entwicklung, geben aber den Jugendlichen auch den Freiraum und lassen sie ihren eigenen individuellen Weg gehen.

Es fehlen noch der Mut und die Kraft ein Projekt, wie es in Ohio funktioniert, in Deutschland zu verwirklichen. Dazu bedarf es gute Überlegungen und vor allem Ausdauer und Liebe zum Detail in der Umsetzung. Eine Akzeptanz für diese Erziehungsform beziehungsweise Erfahrungsschule ist bisher nicht weit verbreitet, sowohl bei Schulämtern, als auch bei Eltern.

Zur Vorbereitung auf eine Berufsausbildung oder ein Universitätsstudium ist diese Form des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens sicherlich von Vorteil, denn ab Verlassen der Schule sind wir auf uns alleine gestellt. Wir müssen uns die Details selber erarbeiten, um das große Ganze zu verstehen.

Zusammenfassung

Ich möchte abschließend betonen, dass ich die Art von kosmischer Erziehung, wie sie Montessori für alle Altersgruppen beschreibt, für geeignet halte und diese sollte in der Zukunft eine höhere Bedeutung in den Schulen oder sonstigen Einrichtungen haben.

Um meinen Beitrag zusammenzufassen, möchte ich einen wesentlichen Erziehungsgrundatz von Montessori anbringen:

„Einzelheiten lehren bedeutet Verwirrung stiften. Die Beziehung unter den Dingen herstellen bedeutet Erkenntnisse vermitteln“.

Die Methoden in der Lehre der kosmischen Erziehung der 6- bis 12-jährigen Kinder sind bisher sehr gut, aber auf dem Weg einer ganzheitlichen Montessori-Pädagogik für die 12- bis 15-jährigen bzw. 15- bis 18-jährigen Jugendlichen gibt es noch viele unbetretene Ufer.

Gibt es in deiner Umgebung Montessori-Schulen oder ähnliche Einrichtungen, die den von Montessori gedachten Erdkinderplan verwirklichen? Erzähl mir mehr davon in deinem Kommentar.

Literatur

Maria Montessori: Kosmische Erziehung (Werbelink) – Die Stellung des Menschen – Menschliche Potentialität und Erziehung – Von der Kindheit zur Jugend. Hrsg. Paul Oswald und Günther Schulz-Bensch. Kleine Schriften Maria Montessoris. Herder-Verlag. Freiburg. 1988.

Ela Eckert: Maria Montessoris Erdkinderplan und die Praxis der Hershey Montessori Farm School. In: Das Kind. Halbjahresschrift für Montessori-Pädagogik. 2. Halbjahr 2005, Heft 38.

 

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